Claudia Drucken
"Für mich war die Therapie wie ein Nach-hausekommen. 

Ich werde es nie vergessen.
Ich traf einen der krassesten Typen auf der Szene und der erzählte mir, dass er clean sei und jetzt mit Gott lebe. Ich habe ihn erlebt, dass er mit Axt und Bierflasche rumlief und total abgefahren war. Und nun war er ganz anders drauf, hatte ne Bibel in der Hand und war frei. Ich konnte es nicht fassen. Ich dachte nur: Okay, du hast es geschafft, ich werde es erst recht schaffen. Ich war zwar krass unterwegs, aber nicht so krass wie der. Die Begegnung mit ihm hat mich total herausgefordert und ab jetzt wollte ich es mir zeigen.
Wenn ich sage, ich war krass unterwegs, dann war das fast in jeder Beziehung.
Ich bin in einer total chaotischen Familie aufgewachsen. Mein Vater war am Trinken. Meine Mutter hatte mit uns Kindern zu tun. Ich hatte einige Halbgeschwister. Mein Vater machte meiner Mutter das Leben zur Hölle. Er war verlogen und gewalttätig. Einmal erlebte ich, wie er im Streit vor Wut meine Schwester meiner Mutter vor die Füße warf. Sie war nicht seine Tochter. Ich fühlte mich oft als Schutzschild für sie. Das Erleben hat mich fertig gemacht, das kann ich euch sagen. Ich war erst das kleine Prinzesschen meines Vaters. Er hielt mich in den Himmel, aber später hat er mich abgewertet. Es war ein Wechselbad der Gefühle, des Erlebens.
Die Fassade in unserer Familie musste stimmen, was dahinter lief, ging niemanden was an. Mein Opa war der Familienpatriarch. Er war katholisch, ging einerseits in die Kirche und andererseits war alles Heuchelei. Er ließ keine anderen Meinungen aufkommen außer seinen eigenen und niemand hatte etwas zu sagen. Ich wollte so früh wie möglich weg von zu Hause.
Mit 18 Jahren hatte ich meine Ausbildung als Kauffrau im Einzelhandel fertig und bin zu meiner Jugendliebe gezogen. Ich hatte eine rosarote Brille auf und kriegte nichts Wirkliches mit. Mein Freund hatte Drogenprobleme, war auf Alk und war Teufelsanbeter. Mir verpasste er ziemlich schnell meinen ersten Druck Heroin in die Hand. Ich hatte keine Ahnung und machte alles mit. Wir beide waren ein heruntergekommenes Junk-Paar. Das lief etwa 5 – 6 Jahre, bis ich durch einen andern Freund zum Anschaffen gezwungen wurde. Er hielt mich wie eine Sklavin. Er war Kokainsüchtig und ich selbst kam genau so drauf. Ich habe nie richtig nachgedacht. Ich war immer getrieben und hinter der Droge her. Etwa ein Jahr war ich auf dem Straßenstrich, dann musste ich im Bordell Ludwigstraße anschaffen. Auch ein Jahr. Der Chef des Bordells sah, wie ich mich rumquälte. Er hatte eine Tochter im gleichen Alter und ich tat ihm leid. Er machte meinem Zuhälter einen Strich durch die Rechnung und half mir aus dem Rotlichtmilieu raus.
Mit Schulden bin ich da rausgekommen. Aber ich war raus. Ich bin dann gleich in die nächste Beziehung gegangen. Eine Freundin hatte mich auf ihn heiß gemacht. Er war kräftig und hat mir gegeben, was ich suchte. Bei ihm war ich sicher und geschützt. Mit ihm war ich 11 Jahre zusammen. Aber er war Gift für mich. Er behandelte mich wie seinen Besitz. Wir waren beide auf Kokain. Schläge und Drogenentzüge waren an der Tagesordnung. Ich bekam zwei Kinder von ihm. Der erste Junge kam behindert auf die Welt und kam zu meiner Mutter. Den zweiten wollte ich unbedingt behalten.
Mein Freund war bei seiner Geburt im Knast und ich landete in der Obdachlosigkeit. Kaputt und am Ende. Ich war immer unterwegs und habe gedealt, um meine Sucht zu bedienen. Obwohl ich Innenstadt-Verbot (Zone 1-Verbot) von der Polizei bekommen hatte. Ich war immer auf der Flucht.
Wie sollte es weiter gehen? Meine Bewährungshelferin empfahl mir, ins Neue Land zu gehen. Die Leute vom Neuen Land hatte ich auf der Szene schon erlebt. Aber ich war immer auf Abwehr allem Christlichen gegenüber. Ich wusste, dass es etwas Höheres gibt, aber ich war zu feige, den Namen Jesus auszusprechen. Ich hatte mich auf Teufelsanbeterei und Tarot-Karten eingelassen.
Als ich hörte, dass ich im Neuen Land mein Kind mitnehmen könnte, ging ich hin. Ich wollte es dem Kind zuliebe tun. Ich war dann mit dem Jungen zusammen in der Entgiftung im Auffanghaus des Neuen Landes. Ich fühlte mich da so ernst genommen wie noch nie in meinem Leben und hatte tolle Gespräche. Es war für mich als wenn ich nach Hause gekommen wäre. Nun wollte ich auch gerne den ganzen Weg gehen und eine Therapie machen. Ich bekam den letzten zur Verfügung stehenden Platz im Neuen Land und war die erste Frau mit Kind.
Was mein Verhältnis zu Gott angeht, hatte ich einen Traum: 'Ich sah als Zuschauer, wie Jesus für mich mit dem Teufel kämpfte und gewonnen hat. Ich sah richtig, wie Blut geflossen ist in diesem Kampf.' Ich konnte diesen Sieg dann für mich in der Realität in Anspruch nehmen und vertraute mich Jesus an. Der Sieg Jesu war nun mein Sieg geworden.
Mein Freund nahm nach seinem Knast wieder den Kontakt zu mir auf und es kam zu einem heftigen Rückfall. Ich war ihm noch hörig. Als ich die Bescherung sah, war es Zeit, mich zu korrigieren. Ich beendete die Beziehung zu dem Freund und löste mich auch emotional von ihm.
Seitdem geht es aufwärts mit mir. Das Sorgerecht für meinen ersten Sohn bekam ich dann vom Gericht zugesprochen. Das war für mich ein gewaltiges Erleben. Ich fühle mich jetzt frei und kann meinen Weg gehen.
In der Therapie habe ich sehr viel gelernt. Vor allem habe ich gelernt, Menschen vertrauen und lieben zu können. Die Mitarbeiter haben sehr zu mir gestanden und ich konnte mich finden. Ich fand Spaß am Arbeiten, habe neue Interessen, klare Gedanken und habe jetzt mit meinem Leben richtig begonnen. Ich bin nicht mehr getrieben, und nicht mehr der Droge und meinem alten Leben ausgeliefert. Gott ist größer als alles. Er hat mich frei gemacht. Ich stehe zu meinem Vorleben und rufe am Liebsten aller Welt zu, dass es sich lohnt das Leben neu anzufangen.
Wenn ich mit den Mitarbeitern des Neuen Landes in den Frauenknast gehe, um den Frauen einen Ausweg zu zeigen und etwas Hoffnung zu bringen, können es die Frauen kaum fassen, dass ich es bin, die ihnen von Gott erzählt.
80 % der Frauen kennen mich in der Regel.
So wie mich der Typ, von dem ich oben erzählte, herausgefordert hat, so möchte ich die Frauen herausfordern zum Leben. Bei Gott kann man nichts verlieren."
 
Claudia