Andreas Drucken
Als ich intensiv auf Droge war, habe ich mich vor meiner Familie so geschämt, dass ich alles stehen und liegen gelassen habe. Und weg war ich.
Ich war damals 31 Jahre alt. Ein Kumpel aus meinem Verwandtenkreis hatte mich verführt. Ich hatte die Droge völlig unterschätzt und mich aus Spaß darauf eingelassen. Aus dem einen Mal wurden mehrere Male und ehe ich mich versah, brauchte ich die Droge (Heroin und Kokain) regelmäßig. Ich verlor meine Ziele aus dem Auge, handelte unverantwortlich und vernachlässigte alles, was mir bis dahin wichtig war. Bis ich es nicht mehr aushalten und nur noch die Flucht antreten konnte. Statt die Flucht weg von der Droge anzutreten, flüchtete ich tiefer hinein. Und ich schämte mich immer mehr. Der Weg zurück war mir nicht mehr möglich. Ich versackte in Obdachlosenheimen und auf der Straße. Mein Auto hatte ich zu Schrott gefahren und es war alles weg. Um meine Drogen zu finanzieren, dealte ich. Zum Glück habe ich keinen Knast erlebt.
Aber es ging tief genug.
Dabei hatte ich es so gut. Ich hatte liebevolle Eltern, einen tollen Sohn und eine wunderbare Frau. Mein Vater war mein großes Vorbild. Ich wollte immer so werden wie er. Er hatte früh seine Eltern verloren und zu trinken angefangen. Aber er hat die Kurve gekriegt, studiert und ist seinen Weg gegangen. Kein Mensch hat ihn wieder betrunken gesehen. Er war geistig stark und hatte einen vorbildlichen Charakter. Ich war als jüngster seiner drei Söhne Vaters Liebling.
Als er später mitbekam, dass ich Drogen nehme, wollte er es nicht glauben. Das war sehr schwer für ihn. Mein Vater starb, als ich in der letzten Phase meiner Therapie war und ich konnte die letzten drei Tage seines Lebens an seinem Bett verbringen.
Während der Therapiezeit hatte ich mich bei meinen Eltern für alles entschuldigt. Auch bei meiner Frau, die sich von mir hatte scheiden lassen.
Zur Therapie entschied ich mich nach meiner zweiten Entgiftung. Ich merkte, dass ich es allein nicht schaffe und es die Entgiftung allein nicht bringt. Auch hatte ich Angst vor dem Knast und davor, endgültig ganz drauf zu gehen. Wegen meiner Dealerei war ich inzwischen polizeibekannt. Alles stand auf der Kippe. Mir war klar, entweder ich mache jetzt komplett Schluss und starte neu, oder es kommt zu Knast und weiterem Abstieg.
Ich erinnerte mich an Leute aus dem Neuen Land, die es geschafft hatten und wendete mich an sie. So freute ich mich, dass ich einen Therapieplatz im Neuen Land bekam.
Ich war so weit: Ich wollte frei werden. Ich wollte nicht sterben und nicht in den Knast, ich wollte leben. Ich wollte mich ändern und war überzeugt, dass ich es schaffe.
Das ging nicht von heute auf morgen. Es war mir deutlich, dass ich mir Zeit geben muss. Kaputt machen geht schnell, aufbauen und heil werden braucht Zeit.
In der Therapie im Neuen Land hatte ich viele gute Möglichkeiten. Ich hatte einen Therapeuten, dem ich meine ganze Seele ausschütten konnte. Das hatte ich gebraucht.
Mir wurde es leichter, ich war meine Last los geworden. Und ich konnte meinen verschütteten Glauben neu aufleben lassen. Ich lernte Gott so nah und persönlich kennen, wie es mir trotz meiner christlichen Erziehung vorher nicht möglich war. Das gab mir Kraft.
Ich hatte viele gute Gespräche und konnte neu Mut schöpfen und mich ausrichten und stabilisieren.
Ich gönnte mir auch noch eine Zeit der Nachsorge, die mir eine große Hilfe war.
Zu meiner Familie, Mutter, Geschwister und Ex-Frau baute ich wieder gute und verlässliche Beziehungen auf und vieles konnte neu werden. Meine Ex-Frau steht zu mir und wir sind dabei, unseren gemeinsamen Weg wieder aufzunehmen.
Zu meinem Sohn habe ich eine herzliche und gute Beziehung und freue mich über das Miteinander.
Beruflich konnte ich mich selbstständig machen. Ich habe eine Firma gegründet, durch die ich mit meinen Mitarbeitern anderen Menschen durch Übernahme praktischer Arbeiten eine helfende Hand bieten kann. Es macht mir Freude.
Rundum: Ich habe in meinem Leben noch mal die Kurve gekriegt. Es hat sich sehr gelohnt. Aber es kam nicht von selbst. Ich brauchte Hilfe und nahm sie an. Und ich nahm mir die Zeit, die es brauchte.
Ich kann euch nur sagen: Jeder Tag, den ihr drauf seid, ist ein vergeudeter Tag! Wir leben nur einmal. Nutzt die Zeit!"