Angelika Drucken
"Meine Mutter tat alles, um mich zu verhindern.
Sie wollte mich nicht.
Sie wollte mich abtreiben und wollte eine Fehlgeburt produzieren, doch ich kam trotzdem zur Welt. Meine Mutter wollte mich nicht, weil ihr Mann, mein Vater inzwischen eine andere Frau hatte. Das hatte sie so sehr verletzt, dass sie mich als seine Tochter voll ablehnte. Sie gebar mich wider Willen.
Im Alter von ca. 10 Monaten setzte sie mich in einem Müllsack im Wald aus. Doch ich wurde gefunden. Ich kam ins Heim, wurde aber wieder meiner Mutter zugesprochen.
Genau weiß ich auch nicht, wie das alles möglich war.
Meine Mutter unternahm weitere Versuche, mich aus der Welt zu schaffen, aber alles gelang nicht. Sie heiratete neu, aber ich stand ihr immer im Weg. Sie hat mich immer abgelehnt. Ich war mit einem "Wolfsfell" im Gesicht zur Welt gekommen. Meine Mutter ließ keine Operation zu. Die anderen Kinder hänselten mich, nannten mich "Mausebacke" oder "Rattengesicht" und lachten mich aus.
Mein Kinderherz war sehr gebrochen. Wenn ich weinte, bekam ich Schläge und abermals Schläge. Ich durfte nie Kind sein, bekam keinerlei Zuwendung.
Ich wurde hart und verhärtete mich, baute eine Mauer um mich herum und wurde viel zu schnell erwachsen. Meine Verletzungen erzeugten in mir einen Hass, den ich auf andere Kinder entlud.
Meine Mutter gab mir Haloperidol (hochpotentes Antipsychotikum) ins Essen, was mich stark veränderte. Wie meine Mutter, waren auch meine nachgekommenen Geschwister gegen mich. Als mir meine Schwester mal zu viel Haloperidol gab, kam ich in der Psychiatrie in eine Gummizelle. Das hatte zur Folge, dass die Zeiten mit dem Haloperidol zu Ende waren. Meine Mutter bekam nichts mehr.
Aber mein Leiden ging weiter. Meine Mutter quälte mich, wo sie nur konnte.
Ich wurde immer rebellischer, härter und unempfindlicher. Ich durfte nicht mehr raus, weil die Gewalteinwirkungen meiner Mutter mich zu stark kennzeichneten. Mal hatte ich ein schwarzes Auge, mal konnte ich meine Hand nicht bewegen, weil meine Mutter sie mit einem Fleischklopfer demoliert hatte. Es war nicht zum Aushalten, aber es blieb mir nichts anderes übrig. Es war furchtbar.
Ich war ca. 11 Jahre alt, als mein Vater mich ausfindig gemacht hatte und dafür sorgte, dass ich wegen dem Wolfsfell im Gesicht operiert wurde. Man entnahm mir Haut von meinen Beinen, die man mir ins Gesicht transplantierte. Ich musste etwa 9 – 10 Monate im Krankenhaus bleiben, wo sich eine Krankenschwester liebevoll um mich kümmerte. Ich wollte bei ihr bleiben, doch das ging nicht.
Als ich wieder draußen war, ging die Hänselung weiter. Im Gesicht hatte sich ein Blutschwamm gebildet. Man nannte mich nun "Speckbacke". Letztlich kam alles noch schlimmer als vorher. Meiner Mutter war es egal, ob ich noch lebe und was mit mir passiert.
Ich war fast immer unterwegs, probierte alles Mögliche aus, schnüffelte Pattex, rauchte, trank und machte Dummheiten. Die Polizei nahm mich immer öfter fest, brachte mich nach Hause oder in die Jugendschutzstelle. Es ging immer hin und her. Ich wollte ins Heim, kam auch rein, war aber nicht umgänglich im Heim und konnte mit nichts umgehen. Ich quälte andere Leute und war unausstehlich.
Mindestens 20 verschiedene Delikte (Körperverletzungen, Diebstähle, Drogen) standen an. Ich kam in den Jugendknast. Dann wieder ins Heim, aber kein Heim wollte mich mehr haben.
Zwischenzeitig ging ich zu meinem Vater. Er hatte eine neue Familie. Sie waren dort sehr lieb zu mir, aber ich hielt die Liebe und ihren Lebensstil nicht aus. Ich landete wieder auf der Straße.
Auf der Straße landete ich in allen möglichen Kreisen, in der Partyszene, in Drücker- und Zuhälterkreisen.
Mit 16 verliebte ich mich unsterblich. Als Schluss war, brach eine Welt für mich zusammen. Ich versuchte mir das Leben zu nehmen, nahm Drogen, um alles zu vergessen, und hatte immer wieder Paranoia.
Ich hatte immer wieder neue Beziehungen zu Männern, verliebte mich, wurde Mutter, dachte an Glück und Liebe und wurde immer wieder furchtbar enttäuscht.
Gewalt, Vergewaltigungen und Ablehnung waren an der Tagesordnung. Ich floh von hier nach da, fand aber nirgends Halt. Mein Leben war ein einziges Chaos: Angst, Panik, Alkohol, Heroin, Kriminalität, Schläge – es ging so weiter.
Zwischendurch flammten Hoffnungen auf, die immer wieder bitter enttäuscht wurden. Männer hatten mich in der Hand, machten mit mir, was sie wollten und richteten mich zugrunde. Die Droge wurde mein Ein und Alles. Ich tat alles für Drogen außer Mord. Ich war wie eine Sklavin der Droge. Manchmal dachte ich, ich sei eine Hexe. Ich ging immer mehr kaputt.
Das ging über Jahre. Viele Leute um mich herum waren gestorben. Ich konnte nicht mehr weiter und wollte nicht mehr so weiterleben. Ich wollte 'ne Therapie machen.
Über 20 Jahre hatte ich Kontakte zu einer christlichen Hausgemeinschaft in Düsseldorf (im Bild bin ich mit ihnen zu sehen). Die waren immer wieder für mich da. Unbegreiflich. Ich machte bei ihnen einen Entzug und noch einen und noch einen. Immer wieder landete ich in der Szene.
Aber jetzt hatte das ein Ende. Ich ging in eine Therapie, sogar in eine christliche. Doch danach ging ich wieder zu meinem früheren Lebensgefährten, also in meine alte Umgebung und sehr bald war meine Psyche wieder am Ende und es ging wieder den Weg in den Abgrund. Nichts hatte Bestand. Mein Lebensgefährte starb, ich selbst musste ins Krankenhaus, Lungenabszess und Herzklappen-OP. Im Koma kämpfte ich mit dem Tod und schrie zu Gott, dass er mir helfe. Ich wollte eine letzte Chance. Und Gott öffnete mir die Augen. Es wurde hell und ich fühlte mich wie neu geboren.
Ab dann lief vieles anders. Zwar ging noch nicht alles glatt. Ich fiel immer wieder furchtbar auf die Nase und mein Überleben war fraglich. Aber letztlich bewahrte mich Gott. Ich bekam eine Kostenzusage und die Leute aus der Christlichen Hausgemeinschaft brachten mich ins Neue Land. Obwohl ich kaum noch menschliche Züge hatte und voll krank war, ließ sich das Neue Land auf mich ein. Ich konnte bleiben und meine Entwicklung nehmen.
Ich erzählte alles und Gott veränderte mein Herz. Mein verhärtetes Herz wurde weich. Das ist mein größtes Wunder. Ich kann wieder weinen und lachen. Ich lebe. Meine Last ist von mir gefallen.
Die Menschen um mich herum können mich verstehen und ich lerne ein neues Vertrauen kennen. Gott ist in mein Leben gekommen. Er ist wirklich da! Er ist mein Schutz und meine Chance. Ich brauche keine Maske mehr anzulegen. Ich kann echt sein, die sein, die ich bin. Das ist wahnsinnig gut, in Worten kaum zu beschreiben.
Vieles ist mir bewusst geworden und ich konnte mein Leben noch mal neu beginnen. Ich bin gewollt und geliebt. Mein Hass ist gewichen. Ich kann verzeihen, sogar meiner Mutter, was ich nie für möglich gehalten hätte. Ich habe Gefühle, auch Mitgefühl. Ich lerne damit umzugehen. Ich darf schwach sein und ich kann meine Fragen stellen und kann mit den Dingen des Lebens anders umgehen.
 
Ich habe mich Gott anvertraut. Früher habe ich alles riskiert auf Droge und alles verloren. Jetzt habe ich das Leben gewonnen. Bei Gott kann man nichts verlieren. Dazu stehe ich. Wahnsinn, oder?"