Celal Drucken
"Was in meinem Herzen war, konnte ich niemandem zeigen. Stattdessen versuchte ich darüber hinwegzutäuschen.
Ich hatte keinen Raum, in dem ich echt sein konnte und in den ich mich zurückziehen konnte.
Ich versuchte, mit Drogen und Partyleben locker zu werden und mein Leben zu leben. Doch ich musste feststellen, es war nicht möglich. Ich rutschte in Tiefen, in denen mir nur noch zum Sterben zumute war. Es war alles Scheiße und ich sah Scheiße aus. Was sollte ich tun?
Ich wusste einfach keinen Weg. Als Sohn türkischer Eltern wurde ich in Deutschland geboren. Meine Eltern selbst hatten eine schwierige Vergangenheit, die ihr Leben und damit auch meines kaputt prägte.
Im Alter von 4 Jahren mussten wir 4 Geschwister für gut 2 Jahre in ein katholisches Kinderheim. Dort wurden wir von Nonnen erzogen, die nicht so richtig Herr der Lage waren.
Es gab wie schon zu Hause oft
Schläge und ich erlebte mich nicht angenommen.
Zu Hause hatten wir nur türkisch gesprochen, ab jetzt galt es deutsch zu sprechen.
Wieder Zuhause waren mir meine Eltern fremd. Ich erlebte wenig Nähe und war innerlich aufgeschmissen. Die Schule nahm ich nicht ernst. Schwänzen und Rumtreiben waren an der Tagesordnung, bis ich mit 15 Jahren aus der 8. Klasse der Hauptschule flog.
Schon mit 12/13 Jahren hatten es mir Joints angetan. Zigaretten, Partys, Frauen, Saufen und Kiffen lenkten mich ab von meinem trostlosen Leben. Sie haben mich leichter gemacht. Es hat mir gefallen. Ich experimentierte mit allen möglichen Drogen und geriet im Alter von 17 Jahren an Crack.
Meine Eltern zogen aus diversen Gründen mehrere Male um, so dass ich zusätzlich empfand, dass ich nirgends richtig hingehörte. Ich erlebte viel Streit zu Hause und wurde hin- und hergerissen, war mal bei Mutter, mal bei Vater. Ich zog mich dann immer wieder auch in mich zurück, war viel alleine, haute hier ab und dann dort. Im Alter von ca. 20 Jahren kam ich dann auf Shore. Das ging schnell ins Volle und ich war bald abhängiger, als ich mir je vorgestellt hatte. Aber mir war alles egal. Die Droge half mir, dass mir alles egal sein konnte. Das wollte ich. Ich interessierte mich für nichts, machte nichts und hatte keinen Bock auf mein Leben. Ich machte mir vor, dass ich ja wieder mit der Droge Schluss machen konnte, ich eierte rum, betrog mich selbst und andere, dealte, spritzte und machte mich kaputt.
Dann, eines Tages brach ich zusammen und wurde als Notfall ins Krankenhaus eingeliefert. Ich hatte einen Magen-Darm-Durchbruch. Nach einer Not-OP wurde ich ins Koma versetzt. 14 Tage lang. Ich war noch voll drauf und erlitt in dieser Zeit die Hölle. Ich hatte dämonische Albträume und war wie in einer Zwischenwelt zur Hölle gefangen. Noch heute habe ich viele Bilder vor Augen.
Nach dem Koma musste ich ca. 3 Monate im Krankenhaus verbleiben. Ich wurde ans Bett gefesselt und durchlebte einen fürchterlichen Entzug. Ich konnte nichts essen, nichts. Ich magerte total ab. Meine Muskeln waren weg, meine Kraft war weg. Als ich mich im Spiegel sah, kamen mir die Tränen. Ich war nur noch ein Gerippe. Ich sah aus wie eine Leiche auf Latschen. Ich gesundete langsam und musste wieder laufen und essen lernen.
Aber schon im Krankenhaus plante ich meinen nächsten Schuss und ich wurde nach meiner Entlassung sofort wieder voll rückfällig. Es ging wieder alles von vorne los. Mein Elend fraß sich immer tiefer in mich hinein. Ich kam wieder ins Krankenhaus, war im Polamidon-Programm, hatte Beikonsum, die Spritze war immer dabei. Täuschen, tricksen, verstecken war mein Tagesprogramm.
Als ich 23 Jahre alt war, machte ich notgedrungen meine erste Therapie. Therapiekette Niedersachsen. Es war wie eine Spaßveranstaltung. Es lief nichts Wirkliches, es war oberflächlich. Frauen und Kiffen waren hier an der Tagesordnung. Auch in der anschließenden Nachsorge. Ich entdeckte die Partyszene Hannovers und es ging heiß her. Zwischendurch hatte ich eine Beziehung, die mir half, aber nicht dauerhaft war. Ich war beziehungsunfähig. Ich war einfach viel zu kaputt, als dass ich es länger mit jemandem aushielt. Ich hielt es eigentlich auch nicht mit mir selbst aus.
Also ging alles weiter. Beziehung zu Ende. Nichts mehr gerafft. Alle waren von mir enttäuscht. Ich auch. Ich war am Abjunken. Von meinem besten Kumpel wurde ich auf der Straße aufgesammelt, aber er konnte mich nicht halten. Das Drama ging weiter. Obdachlos – Notunterkünfte – zerrissen – was sollte ich machen?
Im Bauwagen des Neuen Landes versuchte man, mich zu einer Therapie zu bewegen. Aber ich war neben der Spur. Ich wollte und wollte nicht.
Aber dann musste ich es mir eingestehen, dass ich nichts auf die Reihe kriege. Auf meine Anfrage beim Neuen Land bekam ich Silvester 2008 einen Anruf: "Du kannst kommen. Wir haben einen Platz für dich."
Das war mir wie eine Erlösung. Ich ging hin. Aber wo war ich gelandet? Alle waren so nett. Komisch. Hier wurde über Glauben geredet und ich war doch Moslem. Ich fragte mich, was glaube ich eigentlich? Ich war zwar als Moslem geboren, glaubte aber nichts. Ich war ohne Gott. Ich fing an in der Bibel zu lesen und empfand, dass da was dran sein müsste an dem Glauben. Weil auch die Leute so anders waren, so echt und die Atmosphäre so ansprechend war. Warum versuchst du es nicht mal mit dem Glauben, dachte ich. Es ist doch bisher alles in deinem Leben in die Hose gegangen. Und ich betete: "Jesus, wenn du das in meinem Leben hinkriegst, dass ich das mit den Drogen lassen kann, dann will ich mich dir anschließen."
Nach dem Gebet fühlte ich mich so anders. Da war ein warmes Gefühl, da war Freude in mir. Das war ganz anders als auf Droge. Von da an hatte ich Hoffnung, dass Jesus da ist und mir weiter hilft.
Ich machte eine Therapie im Neuen Land. Ernsthaft. Das war für mich genau das Richtige. Ich konnte langsam wieder Nähe zulassen und fand eine neue Art von Vertrauen.
Ich wollte mich ändern und ich konnte entsprechende Schritte tun. Ich wollte meine negativen Sachen ablegen und Persönlichkeit werden. Ich wollte mich annehmen wie ich bin und leben lernen. Und ich wollte 100%ig aus der Sucht raus. Und ich setzte das um.
 
Gott hat mir gezeigt, dass er mich liebt, so wie ich bin. Das ist mir zu meiner wichtigsten Erfahrung geworden. Darauf kann ich aufbauen. Es liegt jetzt an mir, wie ich mich weiter entwickle. Ich gehe voran. Bin clean. Mache Schule. Ich habe eine Basis im Glauben.
Es ist mir wie ein Wunder, wenn ich zurückblicke, dass das alles geschehen ist. Und ich bin überzeugt, dass es weiter voran geht, wenn ich mit Jesus gehe. Das will ich.
Mein Leben ist kostbar. Deines auch. Sieh zu, dass du es beizeiten rettest. Hilfe ist da."