Dieter Drucken
Dieter
"Ich danke Gott jeden Tag, dass Er mich aus der Scheiße rausgeholt hat …"


Ich weiß nicht, ob ihr euch vorstellen könnt, wie es einem geht, wenn man 16 Jahre im Knast gesessen hat. Ich wollte eigentlich nur noch sterben, mehr nicht. Ungezählte Selbstmordversuche haben es nicht gebracht. Scheinbar sollte es nicht sein. Jetzt lebe ich, und das sogar gerne. Ich danke Gott jeden Tag, dass Er mich aus der Scheiße rausgeholt hat.

Ich bin ziemlich beziehungslos aufgewachsen. Meine Eltern haben sich nicht um mich gekümmert. Meine Mutter trank und mein Vater war meistens weg. Keiner hat Wert auf meine Entwicklung gelegt. Ich war schüchtern, unsicher und fühlte mich minderwertig und gehemmt. Bekam Schläge bis zum "Geht-nicht-mehr", besuchte die Sonderschule, kriegte keine Ausbildung. Ich wusste nicht, wo ich hingehörte. Ich war heimatlos. Mein Vater starb, als ich 17 Jahre war. Ich suchte meinen Halt bei Frauen und wenn ich dann eine hatte, war ich total krankhaft eifersüchtig und wollte sie nicht loslassen. Daran gingen sie alle kaputt. Als meine erste große Liebe in die Brüche ging, war ich total am Ende. Ich wollte sie retten, aber es gab ein Beziehungsdrama mit tödlichem Ende. Das brachte mich mit 21 Jahren zum ersten Mal für 6 Jahre in den Knast.

Als ich wieder raus kam, war ich nicht nur unfähig, mich diesem Leben zu stellen, ich war jetzt auch voll süchtig und litt an Bulimie. Was sollte ich machen? Eigentlich wollte ich schon damals nicht mehr leben. Ich war esssüchtig, trank Alkohol ohne Ende, kiffte, nahm Drogen, was ich kriegen konnte und hängte mich an Frauen. Ich war voll abhängig von ihnen. Wenn ich keine hatte, stürzte ich jedes Mal tiefer ab. Ich kam wieder und wieder ins Gefängnis. Insgesamt 16 Jahre! Meine Lebenskräfte ließen immer mehr nach. Zwar war ich äußerlich hart und steif, aber wenn mich keiner sehen konnte, war ich verzweifelt und heulte. Ich wollte nicht mehr leben und konnte nur noch mit Drogen überleben. Ich war zu schwach für das Leben.

Irgendwann hat mich auf der Straße ein Mann aufgegabelt. Er war Christ und ermutigte mich, etwas für mich zu tun. Ich versuchte einiges, aber ich wurde immer wieder rückfällig. In Hannover lernte ich Leute vom Neuen Land kennen, Jahre danach, auf der Straße. Ich dachte, so wie jetzt möchte ich nicht mehr weitermachen. Entweder du kriegst noch ne Kurve, oder du machst dich weg. So ging ich in den Bauwagen. Die Leute dort waren anders, als ich das bisher kannte. Ich konnte mich ihnen mitteilen und sie vermittelten mich in das Auffanghaus des Neuen Landes. Hier wollte ich gar nicht wieder weg. Ich fühlte mich wohl und wie in einer großen Familie. Ich betete eines meiner ersten Gebete und sagte zu Gott: "Wenn es dich gibt, lass mich hier nicht mehr weg. Lass mich hier bleiben können." Und ich konnte bleiben. Das war mein Glück. Zwar nicht im Auffanghaus, sondern im Therapiehaus, aber auch hier wurde ich herzlich aufgenommen.

20 Jahre lang hatte ich mit Depressionen gelebt. Eines Tages betete ich, dass Gott mir meine Scheißdepressionen wegnehmen sollte. Und tatsächlich – irgendwann waren sie weg, ich weiß nicht mehr genau, wann. Mit vielem, was mein Leben betrifft, wusste ich nicht umzugehen. Aber ich lernte, genau die Sachen Gott abzugeben. Und Er hat mir meine Last abgenommen. Und als ich meine Sünden erkannt hatte, vergab er sie mir. Ich lernte: Bei Gott ist Sünde Sünde, egal ob sie groß ist oder klein. Er vergibt jede Sünde. Das habe ich auch erlebt. So wurde ich mehr und mehr heil und gesund, nicht von heute auf morgen aber nach und nach. Und ich durfte und darf immer noch vieles lernen. Ich war den Leuten im Neuen Land wichtig.

Wenn ich Fehler mache oder nicht weiter weiß, darf ich immer wieder zu Gott kommen. Er berührt mich immer wieder und lässt mich seine Liebe spüren. Dazu hat Er auch Menschen gebraucht. Ich könnte hier manche Namen nennen. Ich bin ihnen sehr dankbar. Gott hat das Ruder meines Lebens rumgerissen. Ich darf leben.

Und, ich kann es manchmal selbst kaum glauben, aber heute (2007) gehe ich regelmäßig ehrenamtlich in den Jugendknast, um die Jugendlichen zu ermutigen, dass sie aus ihrem Leben was machen. Sie sollen beizeiten den Absprung finden. Gott hat niemanden aufgegeben. Jeder hat ne Chance, egal wie kaputt er ist. Ich bin das beste Beispiel. Du kannst einfach anfangen, alles andere ergibt sich…. Das habe ich erlebt."

Dieter