| Alexander F. |
|
"Ich brauche nicht mehr lügen.""Die Hauptsache war, ich hatte Drogen und Geld für Drogen. Alles andere war mir egal. Allen Fragen und Konflikten ging ich mit Lügen aus dem Wege. Ich konnte nur noch lügen. So war mein Leben. Das hatte die Sucht aus mir gemacht. Ich hatte alles verloren, meine Arbeit, meine Familie, meine Achtung. Da war nichts mehr. Aber es musste so kommen. Einige Jahre zuvor wollte ich es nicht einsehen, Therapie zu machen. Ich dachte, das schaffst Du alleine, obwohl ich mehr als 10 Entgiftungen in Ilten gemacht hatte, 2 x extra nach Russland zum Entgiften gegangen war und einige Male irgendwo bei Verwandten versucht habe, von den Drogen los zu kommen. Und außerdem, so dachte ich, willst Du Deine Familie nicht verlassen, Deine Frau, Deine Kinder. Aber dass ich längst schon nicht mehr für sie sorgte, sondern alles kaputt gemacht hatte zuhause, vergaß ich dabei. Ich war echt schlimm drauf. Als ich mit meiner Familie 1993 von Kasachstan nach Deutschland gekommen bin, gab es ein Begrüßungsgeld. Statt an meine Familie zu denken, habe ich das erst einmal für Haschisch ausgegeben. Haschisch hatte ich schon jede Menge in Kasachstan genommen. In Deutschland hatte ich mir ein leichtes Leben vorgestellt: Viel Geld. Wenig arbeiten. Spaß haben. Aber es kam anders. Weil ich viel Geld brauchte und es nicht bei Haschisch blieb, machte ich kriminelle Handlungen. Jede Menge. Ich schmuggelte Wodka und Zigaretten und war ständig auf Achse. Hatte ich mehr Geld, war ich mehr drauf. Heroin und Kokain, ich brauchte beides – und nicht wenig.
In Kasachstan hatte alles beim Militär angefangen. Da nahmen alle Haschisch und ich wollte dazu gehören. Schon bald konnte ich ohne Haschisch gar nichts mehr machen. Alkohol war für mich tabu. Dazu hatte mir mein Vater ein zu abschreckendes Beispiel geliefert. Er starb, als ich 12 war. Meine Mutter stand nun alleine da. Alle hatten sich von ihr abgewandt, nur ein paar Christen in der Straße standen zu ihr und halfen ihr. Das machte mir schon damals Eindruck. Ich merkte, die hatten etwas, was ich nicht hatte. Die Sache mit Gott, da musste was dran sein. Diese Ahnung begleitete mich die ganze Zeit. Meiner Mutter machte ich das Leben schwer. Nicht nur ihr. Auch meiner Frau und allen, die mich kannten.
Wie kam ich zum Neuen Land?
Von den Deutschen wollte ich eigentlich nichts wissen. Und von Therapie auch nicht. Aber irgendwie landete ich im Neuen Land, vielleicht weil ich offen war für Gott und gehört hatte, dass das Christen sind. Aber Therapie wollte ich nicht. Ich wusste auch gar nicht, was das war. Ich dachte immer, das ist ein medizinisches Programm. Ich dachte auch immer, dass nur mein Körper abhängig wäre und nicht meine Seele und mein Kopf. So vergingen ein paar Jahre.
Ich verstand nicht, dass ich wirklich Hilfe brauchte. Ich habe keine Hilfe gesucht, sondern jegliche Hilfe von mir gewiesen. Nein, ich doch nicht. Bis es dann gar nicht mehr ging. Ich war aus meiner letzten Entgiftung wegen Haschischkonsums rausgeschmissen worden und wusste einfach nicht mehr weiter. Da habe ich mich gestellt. Ich bin zum Neuen Land gegangen und fragte um Hilfe. Das hatte ich jahrelang nicht geschafft. Im Neuen Land bekam ich eine Chance. Ich wurde im Auffanghaus aufgenommen. In der Lange-Hop-Straße. Als ich dort ankam, beteten die Mitarbeiter für mich. Sie dankten Gott dafür, dass ich gekommen war und beteten, dass ich es schaffe und dass Gott mir Kraft und Mut schenkt. Das Gebet zeigte mir, was ich brauchte. Es machte klick bei mir und ich wusste, die Sache musst du jetzt durchziehen. Hier bin ich richtig. Ich war dort aufgenommen wie ich war. Ich habe kaum einen Entzug gespürt. Da war vieles so anders. Die deutschen Leute dort habe ich von anderer Seite gesehen. Zum ersten Mal. Vorher hatte ich nur zu Deutschen in der Drogenszene und auf den Ämtern Kontakt. Nun erlebte ich, dass die deutschen Leute auch positive Seiten hatten und ich begann meine Einstellung ihnen gegenüber zu korrigieren. Mein Weg ging dann weiter in die Therapie. Und ich begriff, was Therapie war. Ich fing an, an mir zu arbeiten und mich zu verändern. Und Gott veränderte mich. Er half mir. Mir war klar, ich muss zu Gott gehen und um Vergebung bitten, meine Schuld bekennen. Und Gott vergab mir. Die Therapie hat mir viel gegeben. Ich habe viel gelernt. Ich kann mit Problemen umgehen. Ich kann um Kraft bitten. Und ich brauche nicht mehr zu lügen. Wenn ich an Gottes Hand festhalte, so weiß ich es heute, kann mir gar nichts passieren. Da bin ich sicher. Ich bin nicht mehr allein auf der Welt. Auch wenn ich mich mal allein fühle, kann ich mit Gottes Kraft weitergehen. Ich kann meine Probleme, meine Unsicherheiten und meine Ängste überwinden.
Die Therapie in Amelith war super. Ich war als Russlanddeutscher angenommen und lebte wie in einer großen Familie. Meine Sprache und mein Akzent spielte keine Rolle. Da lebten Mitarbeiter und ich konnte mitleben. Was die Leute sagen, das leben sie auch. Daran konnte ich mich orientieren. Ich konnte lernen und versuche es umzusetzen. Ich hatte vorher überhaupt keine Struktur. Ich war völlig unstrukturiert. Ich habe genommen, wo ich nehmen konnte. Und nun kann ich geben. Ich habe eine Struktur bekommen. Ich lerne Geduld.
Heute bin ich entschlossen, meinen Weg mit Gott zu gehen. Erst kommt Gottes Sache, dann meine. Ich lerne mich zurückzustellen. Dann sorgt Gott für mich und mein Leben klappt. Das heißt nicht, dass ich faul bin, im Gegenteil, ich habe Spaß daran, mein Bestes zu geben.
Heute denke ich, schade, deine Therapie hättest du eigentlich schon früher machen können. So habe ich viel Zeit vertan. Aber ich bin froh, dass ich überhaupt die Kurve gekriegt habe. Und langsam beginnt wieder Neues zu wachsen: Neues Vertrauen, neue Verantwortungen, neue Beziehungen, neues Leben. Könnt Ihr Euch vorstellen, wie dankbar ich bin?"
Alexander
|

"Ich brauche nicht mehr lügen."


